Die Riese ist zum neuen Leben erweckt!
Die Gedanken von András Dávid Homolya, internationaler Orgelsachverständiger, zum Anlass der Orgelweihe der Basilika zu Esztergom:
„Sie war fast fertig. Wir haben die Intonateurs im Rahmen einer kurz geplanten, aber langer als geplanten Kontrolle von Orgelsachverständiger-Seite aufgehalten. Eigentlich dürfte niemand auf einen begeisterten Organisten einen Stein werfen, die Orgelbank klebt, es ist schwer von dort aufzustehen. Und es war sehr schön, dass Peter sich nicht von den Tasten hat losreißen können, etwa 20 Minuten lang. Denn ich wollte auch nicht, dass das transzendente Erlebnis, das bis zu den Knochen drang, die Umarmung von Klang und Kathedrale, die Zeit, die stehen blieb, die klare seelische Bewunderung aufhörten. Sentiment océanique. Ein kurzes, einige Minuten andauerndes Fest, das durch die Rubrik eines unbedeutenden Tages in unseren Alltag einschlich.
Das Heldendenkmal von Maurice Duruflé vor dem Denkmal Jehan Alains lebte in mir als ein immer liebes, stimmungsmalendes, aber französisch leichtes, schon fast oberflächlich glänzendes Werk. Aber dann staune ich immer wieder über die Meisterwerke, staune darüber wieviel mehr das Aufeinadertreffen eines wertvolleren Tones und der Kirchenatmosphäre bei dem Erklingen eines Musikstücks bedeuten können. Manchmal denke ich, dass die Magie der französischen Orgelmusik des XIX. und XX. Jahrhunderts ein einziges Geheimnis haben, die durch den Orgelklang und den Kirchenraum gebotene, besonders wahre Atmosphäre. Das ist wie die italienische Küche, wo aus einem schnellen, hingeschusterten Rezept noch lange kein Wunder entsteht. Aber wenn das Oregano und das Basilikum an den Abhängen von Umbria und die Tomaten aus der Asche des Vesuvs wuchsen, wenn der Käse aus der Milch von Modena gemacht wurde, wenn die langsam getrockneten Bronzenudeln an dem Absatz des italienischen Stiefels hergestellt wurden, und wenn die Oliven von der sizilianischen Sonne gereift sind, dann ist das Endergebnis und die Gesamtwirkung unvergleichlich.
Etwas Ähnliches passierte am Dienstag mit Duruflés Stück in Esztergom. Es wurde in einer bezaubernden Klangqualität zum Leben erwacht, in einer Weise, wie ich es noch nie und nirgends habe hören dürfen. Das Werk von Maurice Duruflé, das nur am Rande der uralten allgemeinen Musikgeschichte durch die Bergketten von Debussys, Ravels, Mahlers und Strauss’ vermerkt wurde, so ein Musikerlebnis bot, wie eine sinfonische Dichtung von Strauß. Die Orgel vermittelte das Gefühl eines perfekten Orchesters mit solchen Cantabile-Bögen, als ob die Anlage mit den technischen Hilfen der letzten Jahrzehnte vollgepumpt wäre. Aber nein, diese könnten diese Art von dynamischer Illusion nicht erreichen. Die Entwickler suchen am falschen Ort nach dem Geheimnis. Egal… So oder so, Esztergom it ein Phänomen! Sie verwandelte Duruflé zu Gold. Das ist für den Komponisten natürlich nicht verunglimpfend. Ich muss von Zeit zu Zeit begreifen, dass man in diesen Werken einfach den Charakter der französischen symphonischen Orgel und die Akustik der Kathedrale auch mit einkomponiert hat. Das Musikstück kann sich erst damit zusammen durchsetzen. Hier handelt es sich also nicht um eine Behinderung, sondern um eine spannende, schöne Tradition. Und gleichzeitig um die Probe der Orgel.
Möglicherweise war Duruflés Werk deshalb die beste Wahl für die Orgel in Esztergom. Während ich sie mir anhörte, brannten in meiner Seele kleine Rosenlieder, zerstreute Gedanken… in der Vergangenheit gab es schon zwei Versuche ein dem Rang der Kathedrale entsprechendes Instrument zu bauen, mit einem schönen Ergebnis, aber mit begrenzten Mitteln. 1855 war Moosers Orgel schon ein repräsentatives, mit heutigem Auge interessantes Instrument, mit archaisierendem Charakter, in der damaligen Zeit schon altmodisch, ein wenig provinzialisch, mit schwacher Windanlage und langsam laufend. Die durch die Überreste, die von den Weltkriegsbomben geschont waren, hat unser guter Herr Baroti versucht, sie zum neuen Leben zu erwecken, im Rahmen einer genialen Künstlervision. Wir spürten und hörten schon, was dort erklingen könnte. Das große Wunder war fast schon geboren… wenn man in den 70er und 80er Jahren nicht mit Wasser gekocht hätte. Wir haben sie schon halbfertig gesehen. Dann dachten wir, dass sie mit Baroti zusammen für immer nur ein ansprechendes Traumbild bleiben würde, eine Skizze über die Orgel der größten und renommiertesten Kirche vom historischen Ungarn und als einen Teil der Landesgeschichte. Und nun wird dieses Instrument mit so einem Gloria verwirklicht, das ohne Übertreibung fähig ist, über ganz Mittel-Europa zu strahlen. Letztendlich kam es so, dass man den Verstand, die Kraft und heiligen Willen von 150 Jahren doch nicht vergeudete, weder die engen Dimensionen der ungarischen Provinz, noch die Bombe des Weltkriegs, die dekadente Mode der Orgelbewegung, der Kommunismus oder die unfruchtbaren Umstände der darauffolgenden Jahrzehnte. Die Investitionen der Geschichte werden immer belohnt. Barotis Vision war gerade das, er erkannte den unendlichen Reichtum und die unerschöpflichen Möglichkeiten der Zeiten, und der Zeitepochen. Er konnte aber noch nicht wissen, dass er und seine Zeit nicht die abschließende Schicht der Vollständigkeit dieses Instrumentes sein werden. Er konnte die Vollendung seines Werkes nicht mehr miterleben. Seine ausdauernde Arbeit erreichte aber jetzt seine Vollendung. In Esztergom erklingen heute die frühromantischen Mooser und barock Ahnen, die Romantik von Franz Liszt, die Gipfel der ungarischen Spätromantik, Angster und Rieger, Barotis in Einheit geformte deutsche neubarock und französische symphonische Welt, das neue Pfeifenwerk von Vagi, das die historischen Schichten raffiniert verbindet, sowie wir, die Generation vom ersten Viertel des 21. Jahrhunderts, die zusammenfassende Zugabe dieser harmonischen Eklektik. Hier handelt es sich um einen solchen Gnadenzustand, in dem die edelsten Orgeln der Geschichte geboren werden. Solche Instrumente können nur durch die Reife mehrerer Jahrhunderte geschaffen werden, durch den Schwung einer einzigen Generation niemals.
Neben all den klugen Gedanken kann diese Orgel nicht einmal für diejenigen verstanden werden, die sie geschaffen haben. Eine selbständige, fast mythische Entität, die man nur mit der nötigen Demut entdecken kann, erfinden aber nie. Vielleicht funktioniert deshalb sie so schön von sich selbst über allen fachlichen Klugheiten und kleidet den Raum, die Seele und die Werke von Duruflé, Bach und Liszt mit tausenden von Gesichtern.
Die Orgel wurde am Dienstag vor einem halben Dutzend Menschen gemessen. Das Wunder wurde geboren. Uns fehlte keine Minute die Notre Dame oder Saint Quen, und ich kenne keinen objektiven Maß, wo die Klangqualität weniger Wert zeigen würde, als in Esztergom. Sie ist endlich wirklich die Orgel, die dem Rang der Hauptkirche der historischen ungarischen Kirchenorganisation würdig ist. Es ist unmöglich, ihren Klang zu übertreffen. Sie ist trotzdem nicht geschaffen, andere zu besiegen, sondern ihre Krone zu sein. Sie wurde geschaffen, um Hoffnung zu geben, dass es noch Zeiten geben werden, wenn das ungarische Volk den ewigen Werten mit voller Hand dienen wird, dem sei Dank, nun diese wunderschöne Königin unserer Instrumente geboren werden durfte! Das ist der schönste und würdigste Primat. Und Baroti ist nicht mehr der tragische Held, der sein Lebensziel nicht erreichen konnte. Sein Auftrag wurde jetzt erfüllt, seine Arbeit erblühte hundertfach. Gott behüte Dich mein lieber Pista, in Ewigkeit! SDG!“
Die Orgel kann hier angehört werden.

